Der Bücherschrank am Laurentiusplatz ist seit vielen Jahren eine beliebte Anlaufstelle für Leseratten. Was die wenigsten wissen: Ins Leben gerufen hat ihn der Illustrator Wolf Erlbruch.
Wenn man im Internet nach „Bibliomanie“ sucht, dann findet man im wahrsten Sinne des Wortes wahnwitzige Geschichten von Menschen, die von Büchern besessen sind. Bibliomanie ist die Sucht nach Büchern in ihrer physischen Form. Also: Umschlag, Papier, Druckerschwärze, Handwerk. Der Inhalt spielt dabei nur eine untergeordnete Rolle. Im Vordergrund der Sammelwut steht der Besitz des vermeintlich wertvollen Gegenstands. „Ich habe schon Menschen gesehen, die mit einem Buch an der Hundeleine spazieren gegangen sind“, erzählt Max Christian Graeff. Der 64-Jährige pflegt seinerseits ebenfalls engen Kontakt zu Büchern, beschäftigt sich aber auch mit deren Inhalten. Fragt man ihn nach seiner Profession, so antwortet er: „Ach, ich bin Redakteur, Autor, Lektor – eigentlich Dienstleister.“ Und man ahnt bereits, dass mit dieser Umschreibung längst nicht alles gesagt ist.
Max Christian Graeff hat in großen Verlagen und Werbeagenturen gearbeitet, war viele Jahre in Luzern freier Mitarbeiter für ein Kulturmagazin, er schreibt selbst Bücher und ist Miglied im Verband deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller (VS). Darüber hinaus engagiert er sich am Arrenberg, unter anderem mit dem Bücherflohmarkt, den er mehrmals im Jahr mit gespendeten Büchern bestückt. Sein gesamtes Leben, so macht es den Eindruck, dreht sich um Bücher und alles, was auch nur entfernt damit zu tun hat. So verwundert es auch nicht, dass sein Name auf dem rot lackierten und mit gläsernen Schiebetüren ausgestatteten Kasten am Rande des Laurentiusplatzes steht. Bei Fragen oder Schadensmeldung ist er der offizielle Ansprechpartner. Das war nicht immer so.
„Nur etwa zwanzig Prozent der gekauften Bücher werden überhaupt gelesen.“
Christian Graeff
Ideengeber und Spender des Bücherschranks war der preisgekrönte und 2022 verstorbene Illustrator Wolf Erlbruch, der den längsten Teil seines Lebens im Luisenviertel verbrachte. „Er wollte der Nachbarschaft wirklich etwas Gutes tun“, so Christian Graeff, der über viele Jahre eng mit Erlbruch befreundet war. Was den Schrank als solches angeht, so handelt es sich um eine spezielle Anfertigung für den öffentlichen Raum, Sicherheitsglas inklusive. Der gesamte Prozess im Zusammenhang mit der Aufstellung sei eine äußerst langwierige Angelegenheit gewesen, erinnert sich Graeff. Ein bürokratischer Herkulesakt von der Beantragung bis zur Aufstellung. Der Schrank selbst sei „der Rolls Royce unter den Bücherschränken“ und in der Anschaffung ähnlich kostspielig. Umgerechnet auf die tägliche Nutzung und den Wert für die Nachbarschaft ist er dann aber geradezu ein Schnäppchen gewesen.
Heute ist Christian Graeff übrigens nicht der Einzige, der sich für den Schrank verantwortlich fühlt. Gleich mehrere anonyme Ehrenamtliche aus der Nachbarschaft sorgen regelmäßig dafür, dass die Bücher ordentlich im Regal stehen und Müll entfernt wird. „Ich bin sehr dankbar für dieses Engagement, weil ich selbst da an die Grenze kam. Es scheint manchmal, das Luisenviertel hat für solche Fälle so etwas wie Selbstheilungskräfte.“


Der offene Bücherschrank am Laurentiusplatz ist ein echter Passanten-Magnet …
Prinzip Hoffnung
Während wir uns in einem nahegelegenen Café unterhalten, vergehen keine fünf Minuten, ohne dass jemand die Schiebetüren des Bücherschranks öffnet. Einige stecken sich ein Buch nach kurzer Begutachtung in die Tasche, andere stellen ihre ausrangierten Druckwerke hinein. Manche werfen nur im Vorbeigehen einen kurzen Blick in die Auslage, in der Hoffnung, einen Titel zu entdecken, der ihr Interesse weckt.
Kurz: Der rote Schrank ist ein Ort des Gebens und Nehmens. Und es ist nicht der einzige: „In Wuppertal gibt es mehr als ein Dutzend Bücherschränke im öffentlichen Raum“, weiß Christian Graeff. Entstanden sei die Idee ursprünglich durch Bibliotheken, die ausrangierte Exemplare aus dem Bestand in Kisten sammelten und als Mitnehmartikel anboten. Die Faszination dieses Erfolgskonzepts lässt sich auf eine simple Tatsache zurückführen, sagt Graeff: „Im Bücherschrank kann man finden, was man nicht gesucht hat.“
Darüber hinaus, so Graeff, sei die Beschaffung im Vergleich zum Buchhandel weitgehend anonym. Wenn man will, kann man sich einfach im Vorbeigehen ein Buch greifen, ohne mit anderen Menschen in Kontakt zu kommen. Je nach Inhalt der Publikation kann das ein Vorteil sein. Noch dazu sind die Bücher kostenlos, die Entscheidung ist also vollkommen unabhängig von einem möglichen finanziellen Risiko. Was nicht gefällt, kann wieder zurückgebracht werden oder landet als Dauergast im heimischen Bücherregal. Das sei ohnehin eine weit verbreitete Art, mit Büchern umzugehen, so Christian Graeff: „Nur etwa zwanzig Prozent der gekauften Bücher werden überhaupt gelesen.“ Und selbst, wenn man sich große Mühe gibt und dem Lesen die maximale Priorität im Alltag einräumt, komme man rein rechnerisch „auf nicht mehr als 5 000 Bücher im Leben.“
Zum Vergleich: Jedes Jahr werden über 90 000 neue Titel in deutscher Sprache veröffentlicht. Hinzu kommen Bücher, die im sogenannten Self-Publishing – also ohne Verlag – herausgegeben werden. Betrachtet man die Zeitspanne nach Gutenbergs Erfindung des Buchdrucks um 1450, sind volle Bücherregale in bürgerlichen Wohnungen übrigens noch ein recht neues Phänomen. Erst etwa 400 Jahre später, im 19. Jahrhundert, wurde das Bücherlesen und -sammeln wirklich en vogue.
„Es heißt immer, es wird weniger gelesen, aber so ganz stimmt das nicht.“
Christian Graeff


Neues Lesen
Und heute? „Es heißt immer, es wird weniger gelesen, aber so ganz stimmt das nicht“, sagt Graeff. Der aktuell stärkste Wachstumsbereich im Buchmarkt sind emotionale, oft romantische Geschichten für eine meist weibliche Zielgruppe – insbesondere im Young- und New-Adult-Segment. Absoluter Megatrend sind Geschichten aus dem Subgenre „Romantasy“, eine Verknüpfung von Liebesgeschichten mit Fantasy-Elementen. Getrieben wird dieser Trend vor allem von jungen Leserinnen im Alter zwischen etwa 16 und 30 Jahren, die neue Titel über Buch-Communitys auf TikTok und Instagram entdecken und weiterverbreiten.
Wie zum Beweis nimmt Christian Graeff ein Buch aus dem Bücherschrank, das zumindest rein optisch dem Klischee der genannten Zielgruppe entspricht. Der Umschlag ist in grellem Pink gehalten und trägt eine silbern geprägte Schnörkelschrift auf dem Titel. Auch die Papierkanten sind pink eingefärbt. Ein echter Hingucker im Bücherschrank, der höchstwahrscheinlich schnell vergriffen ist. Um Nachschub muss man sich aber wohl keine Gedanken machen.
Text: Marc Freudenhammer
Foto: Süleyman Kayaalp





